Der verwundete Garten …

… oder
vom kreativen Umgang mit Veränderung

Im September 2015 beginnen Abrissarbeiten direkt an meinem Zaun im Garten. Das Nebengrundstück wird mit Hilfe von Baggern zu einem Ort der Verwandlung – staubig und lärmend – vollzieht sich täglich der Prozess der Auflösung auf der „ anderen Seite“ hinter der Mauer im Garten. Große Schaufelbagger reißen Gebäude ein, als wären es Dinosaurierarme, die Pappmachée-Landschaften niederwalzen. Es heißt, kontaminierte Erde, entstanden durch das Fehlverhalten vergangener Grundstücksnutzer, soll abgetragen werden. Eine 8 Meter tiefe Aushebung steht an und das von mir bewohnte Grundstück ist teilweise mitbetroffen. Eine alte Gartenhütte und 9 Bäume werden in diesem Zusammenhang innerhalb von wenigen Tagen von unserem Grundstück verschwinden.

Die Verwundung des Gartens hinterlässt in mir selber tagelang das Empfinden einer Wunde. Nach vielen Tagen der lärmenden Umwälzungen, nachdem meinen Blicken nichts Vertrautes mehr Halt gibt und das Sehen von seiner gewohnten Schärfe hinüberwechselt in eine Betrachtung, die sich hin zu einem diffusen Sehen verändert, da entsteht eine neue Haltung zu der „anderen Seite“.

Nun ist aus dem Vergehen des Gewohnten ein Keim des Werdenden entstanden – ein neuer Raum, der sich öffnen kann, ein Ort der Verwandlung.

Das Verschieben der Erdhügel gleicht nun einem „Baggerballet“, welches täglich neue Landschaften aus Schutt und Gestein vor meinen Augen entstehen lässt, mir gefallen die Formationen von Materialien, die geheimen Zeichen auf den Mauern und die steinernen Fundamente, die aus der Grube gefördert werden und nun an einen Ausgrabungsort erinnern.

Irgendwoher kommt ein Satz, der sich fest in meinem Gedächtnis verankert,

„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, und die anderen Windmühlen.“ (Chinesisches Sprichwort)

Es ist die natürliche Abwehr des Menschen, sich zunächst mit Veränderungen nicht so wohl zu fühlen. Abwehr aus Angst und Verunsicherung. Es bedarf einer inneren Stärke und Freiheit, zunächst die Neugierde über die Angst zu stellen. Was passiert in mir wenn ich diese Haltung einnehme? Wenn ich mir sage, so hier verändert sich etwas, da wird eine Wand niedergerissen, dort werden Bäume gefällt, um kontaminierte Erde auszuwechseln, es wird ein großes Loch gegraben, mit viel Aufwand werden 8m tief Spundwände in das Erdreich gerammt, und nun? Was passiert nun?

Wenn ich betrachte ohne zu werten, dann fängt meine Kreativität augenblicklich an, diesen neu entstehenden Ort zu bespielen, dieses unbestellte Land zu gestalten. Jetzt öffnet sich der Blick und es öffnet sich etwas in mir!

Wenn ich hingegen mit allen Vorurteilen, gezüchtet aus einer ängstlichen Haltung der Vergangenheit, mit einer Opferhaltung diesen Ort betrachte, dann ist es störend, wenn es laut ist, wenn etwas zerstört wird und es stinkt und Bäume sterben müssen und mein Garten nie wieder die Idylle darstellen wird, die er zuvor hatte. Ja, das was war, wird nicht mehr sein, doch vielleicht wird etwas Neues entstehen und Sein dürfen, vielleicht wird der Wind der Veränderung etwas verstärken, von dessen Schönheit ich heute noch nichts ahne.

Loslassen können wir jederzeit und überall lernen, ebenso wie das Annehmen von etwas Neuem!

Susanne Kohler, März 2016

 

Zu dem Kunstprojekt “Der verwundete Garten” gehören:
Fotokunst von Susanne Kohler
Video­kunst von Frank Fischer
Mailart federführend von Thorsten Fuhrmann.

Die Ausstellung mit Videoinstallation fand am 6. und 7. August 2016 in Weilheim statt